Ägypten – ein Geschenk des Nil

Eine entscheidende Voraussetzung für die Entstehung Ägyptens war die geographische Lage am Nil. Der Nil entspringt in den Hochländern Ostafrikas und endet nach einer Strecke von ca. 6500 Km im Mittelmeer. Der Fluss bestimmte im alten Ägypten den jährlichen Lebensrythmus des Volkes. Bevor im 20. Jahrhundert der Nil durch Dämme reguliert wurde, ließen die Monsunregen in Äthiopien den Fluss im Unterlauf anschwellen und von Juni bis Oktober war das Land mit fruchtbarem schwarzen Schlamm überschwemmt, auf dem eine üppige Vegetation gedeihen konnte.

Die Ägypter nannten ihr Land Kemet, “Schwarzes Land” und gemeint waren damit die fruchtbaren Flussufer, an die das “Rote Land” Deschret, die riesige und öde Wüste angrenzt. Diese Welt existierte in einem Gleichgewicht genau ausgewogener Gegensätze: Kemet und Deschret, Tag und Nacht, Leben und Tod, Ordnung und Chaos. Die Ägypter waren der Ansicht, das Gleichgewicht zwischen Ordnung und Chaos im Universum könne nur von den Göttern und ihrem Stellvertreter auf Erden, dem König aufrechterhalten werden. Ursprünglich stellten diese Gottheiten die Natur dar – die Sonne, den Himmel, das Land und den Fluss. Mit der Zeit wurden die Mythen und Legenden immer weiter ausgeschmückt, so dass die Geschichten der einzelnen Götter komplexer wurden. So entstand ein hochentwickeltes Glaubenssystem, welches für das alte Ägypten so charakteristisch war.

In den für sie errichteten Tempeln manifestierten sich die Verehrungen für die Götter in täglichen Ritualen. Die göttlichen Kräfte mussten ständig versorgt werden, um die Kontinuität des kosmischen Gleichgewichts zu erhalten. Deshalb wurden sie in unzähligen Abbildungen verehrt – von den riesigen Tempelanlagen bis zu den kleinsten zierlichsten Kunstwerken. Da die Tempel als Sitz der Göttlichen Kraft galten, wurde diese zum Wohle des ganzen Landes von den Priestern gehütet und gelenkt. Der Hohepriester wirkte als Vermittler zwischen der Welt der Sterblichen und der Götter. Mit Opfergaben, Tanz und Musik sollte der Gott dazu bewegt werden, sich im Tempel nieder zulassen – eine wesentliche Bedingung für die Aufrechterhaltung der so wichtigen kosmischen Ordnung.

Die Ägypter waren auch das erste Volk auf Erden, die ein Jahr in 365 Tage unterteilten. Die Formel würde heute “Plus Fünf” heissen. 360 Tage plus 5 spezielle Feiertage, die zu Ehren von Osiris, Isis, Horus, Seth und Nephtys geweiht waren. Auch das Fest der Göttin Hathor war ein großer Feiertag, an dem ihre Statue aus dem Schrein bei Dendera geholt wurde, und zur Feier einer guten Ernte mit Tanz und Musik dem Volke präsentiert wurde. Ein ähnliches Fest bei dem die Göttin von Dendera, zu ihrem Gemahl Horus nach Edfu gebracht wurde, um zwei Wochen mit ihm das Fest “der schönen Begegnung” zu feiern, verlief nahezu identisch. An solchen Feiertagen versammelten sich die Einwohner einer Region, um mit den Priestern, in Begleitung von Musikern und Tänzern an dem Fest teilzunehmen und Speisen und Getränke im großen Überfluss zu konsumieren. Hochgradig wurde die Trunkenheit gefördert, da sie als Zeichen der Verehrung für die Götter galt. Eines der größten Feste war das jährliche Opet-Fest in Karnak, das die Stärke des Königs vergrößern und selbstverständlich auch erneuern sollte. Mit größtem Jubel des Volkes wurde der Reichsgott Amun von Karnak nach Luxor gebracht, wo sich der König einem geheimen Ritual im innersten Schrein unterzog. Mit voller Kraft gestärkt zeigte sich der Herrscher am darauffolgenden Morgen seinem jubelnden Volk.

Höchstes Ziel eines Ägypters war es, für immer in dieser geliebten Heimat zu leben. Eine Vorstellung vom Paradies bedeutet einfach nur die Fortsetzung ihres Lebens auf Erden mit einigen Schönheiten und Vorteilen mehr. Die Schawabtis, jene magischen Figuren die zum Leben erwachen und ihrem Besitzer dienen sollten, würden dann alle Arbeiten für sie übernehmen.

Die Ägypter glaubten an ein Universum von den Göttern geschaffen und gelenkt. An den Ort der Harmonie und Wahrheit und Eigenschaften, die jene Göttin “Ma´at” verkörperte.

Als Abbild Ägyptens stellte sich die Menschheit damals das Jenseits vor. Einen Ort an dem es weder Hunger noch Krankheiten geben sollte. Da wo das Getreide in riesigen Mengen gedeit und ohne Mühen und Plagen geerntet werden konnte. Die Wirklichkeit sah leider völlig anders aus. Man musste sich die reichen Gaben des Nils hart erarbeiten. Wenn im Sommer der Nil das Land überschwemmt und auf den Feldern schwarzen Schlamm hinterließ, konnten die Bauern im Herbst ihre Gerste und den Weizen aussäen und neue Bewässerungsläufe anlegen, um noch mehr Land fruchtbar zu machen. Fast die gesamte Bevölkerung war in der Landwirtschaft und Nahrungsmittelerzeugung beschäftigt, gab es trotzdem auch viele Handwerker wie Steinmetze, Töpfer, Weber, Zimmerleute und Metallbearbeiter, die schöne Bauwerke und Kunstgegenstände fertigten.

Die höchsten Privilegien zu dieser Zeit, genossen allerdings die Schreiber. Sie verfügten über hohes Ansehen unter dem Volk. Sie waren auch von allen Steuern befreit, so das sich viele Beamte als Schreiber im typischen Schneidersitz mit der Papyrusrolle und der Rohrfeder in der Hand darstellen ließen. Ausgebildet wurde dieser Beruf in den Schulen die zu den Tempeln gehörten. Eine lange und mühevolle Ausbildungszeit lag vor jedem Schüler, um die äußerst komplexe Hieroglyphenschrift zu erlernen. Doch so bald diese Lehrausbildung vorbei war, konnte ein Schreiber bis in die höchsten Ämter im königlichen Palast aufsteigen, wenn er dem Adel angehörte.
Zur Zeit des mittleren Reichs in der “Satire vom Handwerk” gibt ein Vater seinem Sohn den Ratschlag, ein Schreiber zu werden mit folgenden Worten:
“Es gibt keinen Beruf ohne Vorgesetzten, außer dem des Schreibers – er ist sein eigener Herr.
Wenn du also schreiben kannst, wird es dir besser gehen als in jedem anderen Beruf”!