Apfelgrün? – Apfelgrün!

Wir ziehen um !
Endlich haben wir eine passende Wohnung gefunden. Drei grosse Zimmer, im vierten Stock und sagenhafte Aussicht mit Meeresblick.
Die erste Besichtigung fällt positiv aus, es ist Abend, zappenduster, doch die Wohnung verfügt schon über funktionierendes Licht, das Treppenhaus ist ebenso beleuchtet.
Wir sind die Erstbezüger der Wohnung. Die Erstbezüger im ganzen Haus. Ein Geisterhaus?

Ich bestehe auf eine zweite Besichtigung tagsüber. Zweimal lässt der Besitzer des Hauses einen Termin platzen. Natürlich bringt mich das auf die Palme, lässt sich an der Ernsthaftigkeit des Angebotes zweifeln.
Beim dritten Anlauf klappt es, der Hausbesitzer ist ein kugelrunder, grssgewachsener Mann aus Assuan. Er schleppt sich mühsam die Treppen bis ins vierte Stockwerk hoch, begleitet von seiner kleinen Tochter, die die Treppenstufen auch nur mühsam erklimmt, was jedoch an ihrem Schuhwerk liegt, sie trägt zum glitzerrosa Prinzessinnenkleid silberne Flipflops mit Keilabsatz.

Die Überraschung lässt nicht lange auf sich warten: Alle Wände sind in einem knackigen apfelgrünen Farbton gestrichen. Das war mir bei der ersten Besichtigung im Abendlicht nicht direkt aufgefallen. Typisch für ägyptische Wohnungen, denn selten sind die Wände weiß. Bunt ist angesagt, fliederfarben, mandarin, zitronengelb und babyrosa sind die Favoriten.
Während ich mir schon ausdenke, welche Möbel farblich zu den apfelgrünen Wänden passen könnten, nimmt sich Ayman den Hausbesitzer zur Seite und versucht mit ihm, über eine neue Wandfarbe zu verhandeln. Er mag das Apfelgrün nicht.

Drei Wochen später stapeln sich bei uns die Packkartons. Ein ägyptischer Umzug gestaltet sich wenigstens bürokratisch einfacher: Wir müssen keinerlei Adressänderungen schreiben, niemand muss über die neue Adresse benachrichtigt werden, es gibt schlicht und ergreifend bei uns in Dahar weder Strassennahmen noch Hausnummern, geschweige denn Briefkästen.
Als ich eine Schachtel hochheben möchte, lasse ich sie vor Schreck gleich wieder fallen, eine fingerlange, wohlgenährte Kakerlake krabbelt aus der Kiste.

Im ersten Moment bin ich erstarrt, gucke der dicken Kakerlake ungläubig zu, wie sie blitzschnell quer durch die Wohnung flitzt.
Das ist die erste Kakerlake, die ich in einer Wohnung sehe. Nicht mal in unserer ersten Bleibe, der Lotterbude an der Shery Street bin ich Kakerlaken begegnet.
Ich kombiniere: Wo eine ist, sind auch mehrere. Jetzt greife ich zum Handbesen und jage das Vieh durch die Wohnung. Schliesslich kann ich sie zwischen den Borsten des Handbesens und der Kehrschaufel einklemmen und werfe sie zum Fenster hinaus.
Zertreten wäre besser, doch davor ekle ich mich. Mit Pyrosolspray – einem Insektenspray wo selbst eine Bisamratte dran krepieren würde, behandle ich jede Ritze der Wohnung.
Wie gesagt, wo eine ist, sind auch mehrere.
Tage später sind keine Kakerlaken mehr in Sicht. Der Umzug ins apfelgrüne Paradies kann beginnen!