Category Archives: Geschichten & Kolumnen

Apfelgrün? – Apfelgrün!

Wir ziehen um !
Endlich haben wir eine passende Wohnung gefunden. Drei grosse Zimmer, im vierten Stock und sagenhafte Aussicht mit Meeresblick.
Die erste Besichtigung fällt positiv aus, es ist Abend, zappenduster, doch die Wohnung verfügt schon über funktionierendes Licht, das Treppenhaus ist ebenso beleuchtet.
Wir sind die Erstbezüger der Wohnung. Die Erstbezüger im ganzen Haus. Ein Geisterhaus?

Ich bestehe auf eine zweite Besichtigung tagsüber. Zweimal lässt der Besitzer des Hauses einen Termin platzen. Natürlich bringt mich das auf die Palme, lässt sich an der Ernsthaftigkeit des Angebotes zweifeln.
Beim dritten Anlauf klappt es, der Hausbesitzer ist ein kugelrunder, grssgewachsener Mann aus Assuan. Er schleppt sich mühsam die Treppen bis ins vierte Stockwerk hoch, begleitet von seiner kleinen Tochter, die die Treppenstufen auch nur mühsam erklimmt, was jedoch an ihrem Schuhwerk liegt, sie trägt zum glitzerrosa Prinzessinnenkleid silberne Flipflops mit Keilabsatz.

Die Überraschung lässt nicht lange auf sich warten: Alle Wände sind in einem knackigen apfelgrünen Farbton gestrichen. Das war mir bei der ersten Besichtigung im Abendlicht nicht direkt aufgefallen. Typisch für ägyptische Wohnungen, denn selten sind die Wände weiß. Bunt ist angesagt, fliederfarben, mandarin, zitronengelb und babyrosa sind die Favoriten.
Während ich mir schon ausdenke, welche Möbel farblich zu den apfelgrünen Wänden passen könnten, nimmt sich Ayman den Hausbesitzer zur Seite und versucht mit ihm, über eine neue Wandfarbe zu verhandeln. Er mag das Apfelgrün nicht.

Drei Wochen später stapeln sich bei uns die Packkartons. Ein ägyptischer Umzug gestaltet sich wenigstens bürokratisch einfacher: Wir müssen keinerlei Adressänderungen schreiben, niemand muss über die neue Adresse benachrichtigt werden, es gibt schlicht und ergreifend bei uns in Dahar weder Strassennahmen noch Hausnummern, geschweige denn Briefkästen.
Als ich eine Schachtel hochheben möchte, lasse ich sie vor Schreck gleich wieder fallen, eine fingerlange, wohlgenährte Kakerlake krabbelt aus der Kiste.

Im ersten Moment bin ich erstarrt, gucke der dicken Kakerlake ungläubig zu, wie sie blitzschnell quer durch die Wohnung flitzt.
Das ist die erste Kakerlake, die ich in einer Wohnung sehe. Nicht mal in unserer ersten Bleibe, der Lotterbude an der Shery Street bin ich Kakerlaken begegnet.
Ich kombiniere: Wo eine ist, sind auch mehrere. Jetzt greife ich zum Handbesen und jage das Vieh durch die Wohnung. Schliesslich kann ich sie zwischen den Borsten des Handbesens und der Kehrschaufel einklemmen und werfe sie zum Fenster hinaus.
Zertreten wäre besser, doch davor ekle ich mich. Mit Pyrosolspray – einem Insektenspray wo selbst eine Bisamratte dran krepieren würde, behandle ich jede Ritze der Wohnung.
Wie gesagt, wo eine ist, sind auch mehrere.
Tage später sind keine Kakerlaken mehr in Sicht. Der Umzug ins apfelgrüne Paradies kann beginnen!

Madame?

In Hurghada wimmelt es von Taxis. Man erkennt sie sofort an der orange-blauen Lackierung und natürlich am haarsträubenden Tempo. Sie sind praktisch Tag und Nacht verfügbar und im Alltag eine grosse Hilfe, wenn man die Spielregeln beachtet.

Zwei wichtige Regeln hat der Taxi-Neuling zu beachten: Erstens, verlange den Taxometer, Arabisch „el eldäed“, oder vereinbare einen fixen Preis. Zweitens, setze dich immer hinten ins Taxi (besonders empfehlenswert für Frauen!)
So, jetzt geht’s entweder gemächlich mit „Habibi-Musik“ (so nenne ich die typisch arabische Liebesliedträllerei) Richtung Innenstadt- oder Sie schnallen sich an zur Höllenfahrt mit dem Kamikaze- Kommando.

Meine erste und bisher einzige Höllenfahrt hatte ich an einem Samstagabend, nach einer Team- Sitzung in Sekala. Nichts Böses ahnend stieg ich in ein Taxi, das mich nach Dahar bringen sollte. Sofort bemerkte ich die äusserst schlechte Laune des Taxifahrers. Am Preis kann es ja wohl nicht liegen, dachte ich mir, der ist grosszügig.
Der Taxifahrer schleudert sein Gefährt durch die engen Seitenstrassen Sekallas, ich wundere mich, das wir nicht eine Spur der Verwüstung, totgefahrene Ziegen, zerschellte Tontöpfe, kullerndes Obst, oder ähnliches zurücklassen.

Ich klammere mich an den Haltebügel, nehme meine Handtasche auf den Schoss. Weiter geht’s, er legt noch einen Zacken zu, jetzt werde ich ängstlich, sage vorsichtig „baraha, baraha,“ langsam, langsam. Er reagiert nicht, drückt weiter in die Pedale.

Sein Mobiltelefon läutet, er nimmt selbstverständlich ab. Ein hitziges Gespräch. Ich verstehe nur Wortfetzen, aber die haben es in sich. Er streitet heftigst mit seinem Bruder – er schreit ihn an und der Bruder schreit hörbar durch das Telefon zurück. Jetzt bin ich nicht nur ängstlich, jetzt bin ich wirklich beunruhigt. Wahrscheinlich hat der Bolide-Pilot vergessen, dass er einen Fahrgast hat, der bibbernd auf dem Rücksitz hockt. Er drischt weiter durch das nächtliche Hurghada die wüstesten Beschimpfungen in sein Telefon brüllend.

Nach einer gefühlten Unendlichkeit ist das Telefongespräch beendet und sein Fuss kommt ein bisschen vom Gaspedal runter. Ich bin bald zu Hause. Der Fahrer atmet immer noch heftig, wirkt aber ruhiger.

Jetzt bin ich froh, zu Hause zu sein. Verschwitzt betrete ich die Wohnung. „Was ist denn mit dir passiert,“ fragt mich Ayman.

Fasten

„Wir sind mitten im Ramadan, dem ödesten, aller öden Monate“!
Dieser Satz stammt nicht etwa von mir, es ist ein Zitat der renommierten holländischen Korrespondentin für Ägypten, Syrien und dem Irak, Betsy Udink.

Wir sind mitten im Ramadan, auch in Hurghada. Mein dritter Ramadan bereits und er verlangt mir jedesmal einiges ab, auch wenn ich nicht faste.
Die Strassen sind tagsüber weniger belebt und auch das Gehupe der unzähligen Autos ist etwas gedämpfter. An manchen Strassenecken bieten Händler spezielle Getränke und Datteln fürs tägliche Fastenbrechen „to go“ an. Es sind untrügliche Zeichen dafür, dass die Muslime fasten.

Das Fasten reinigt den Körper und bringt den Geist näher zu Gott. Der Fastenmonat ist eine der fünf Säulen des Islam. Lebte man in einem spirituellen Umfeld, müsste man nicht für sein tägliches Brot hart arbeiten. Wär es nicht so unerträglich heiss, glaube ich, dass das Fasten vielen etwas leichter fallen würde.
Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf Essen zu verzichten, schaffe sogar ich.
Jedoch diese vielen Stunden ohne einen Tropfen Wasser, das quält.
Erklärt dies annähernd eine momentane Gereiztheit vieler muslimischer Zeitgenossen, wird dennoch eisern gefastet. Tagsüber auf Halbmast gearbeitet und voll gehungert, wird nach Sonnenuntergang dann endlich gegessen, ja mancherorts sogar regelrecht geschlemmt.

Mit dem ersten Tag des Ramadan wechseln wir auch in die mitteleuropäische Zeitzone. Wir haben jetzt also die gleiche Zeit, bis Europa wieder zur Winterzeit wechselt. Pünktlich zum Ramadan kommt auch etwas feuchtere Luft nach Hurghada, worauf sensiblere Konstitutionen leicht mit Durchfall und grippalen Infekten reagieren.
Mich hat es auch erwischt, die Beschwerden sind zäh, wollen auch bei starker Medikation nicht recht weichen. Die Hitze und das Summen der Klimaanlage, sowie das Rumliegen im Bett macht mich mürbe und zunehmend gereizter. Ich sehne mich nach einem reinigenden, kühlenden Gewitter!
Nach ein paar Tagen bin ich wieder auf dem Damm, gehe wieder arbeiten.
Als wäre ich Wochen weg gewesen, werde ich im Hotel mit einem grossen Hallo begrüsst. Das freut mich! Allerdings ist die Klimaanlage bei mir im Kindergarten kaputt und die Hitze drinnen mörderisch. Ich frage nach dem Hausmechaniker, der kommt leider erst drei Tage später und bringt die Anlage in Ordnung.

Mister Ashraf, unser Chefhausmeister, schaut wie jeden Tag kurz bei mir im Kindergarten vorbei und will wissen, ob alles rechtens ist.
„Okay Miss Chantal ! “ I’m going to have my breakfast now“, verabschiedet er sich.
Ich werde stutzig und denke es ist doch Fastenzeit. Darauf angesprochen meint er lächelnd, „Not for me, Im a Christian¨!

Wir haben Ramadan geschafft. Ein kollektives Aufatmen geht durchs Land. Bewunderung für die tapferen Faster. Ein Schulterklopfen aber auch für alle anderen, die geduldig und tolerant vier Wochen Ausnahmezustand mitgetragen haben!

Bikram-Yoga und Power Bügeln

Kurz bevor ich nach Ägypten auswanderte, besuchte ich einen Kurs für Power Yoga. Mir wurde schnell klar, dass aus mir nie eine Yoga-Meisterin wird. Dennoch bin ich fasziniert davon und integriere seither kleinere Übungen in meinen Alltag.

Zu Ägypten passend zelebriere ich die Positionen „Kobra“, „Pyramide “ und das „Kamel.“
In unserer Wohnung in Dahar praktiziere ich mein Yoga auf Aymans Gebetsteppich, was soweit ich weis, keine religiösen Kalamitäten hervorruft.
Allerdings war ich die ersten Male nach wenigen Minuten komplett nass geschwitzt.
Mein Kreislauf machte schlapp und ich musste mich fragen, ob dies nicht eher gesundheitsschädigend als gesundheitsfördernd sei.
Zufällig sah ich ein paar Tage später eine TV-Sendung bei Al Jazeera*, wo Yoga-Arten erklärt und vorgezeigt wurden. Unteranderem auch Bikram-Yoga, das bei einer Zimmertemperatur von 40 Grad ausgeführt wird.
Aha! In unserer Wohnung sind ohne Klimaanlage mit Sicherheit auch fast 40 Grad Celsius.
Ich habe, ohne es zu wissen, Bikram-Yoga gemacht.
Mittlerweile hat sich mein Yoga-eifer etwas gelegt. Schuld daran gebe ich der Hitze, sowie meinen momentan etwas schwächelnden Kreislauf.
Dafür habe ich eine neue Sportart erfunden!
Das Power-Bügeln!
Ich gebe offen zu – Bügeln mag ich nicht. Nicht mal jetzt, wo ich sogar ein super Dampfbügeleisen bekommen habe. Es geht jetzt allerdings viel schneller, nur fühlt es sich so an, als würde ich unsere wöchentliche Wäsche im türkischen Dampfbad bügeln.

Wahrscheinlich verbrenne und verdampfe ich mit einer Stunde Bügeln, doppelt so viele Kalorien als im Power-Yoga !
Noch hat das Power-Bügeln keine sichtbaren sportlichen Veränderungen an meiner Figur gezeigt, aber steter Tropfen höhlt den Stein. Und- Bügelwäsche gibt’s ja immer wieder neu!

*Mächtigster Fernsehsender der arabischen Welt, sendet auch westliche (teils zensierte) Sendungen und Nachrichten

Von zweibeinigen und vierbeinigen Eseln

In meiner ersten „Helvetia auf der Palme“-Kolumne habe ich einen aufdringlichen Beach-Boy als „Esel“ bezeichnet. Das war sehr unfair dem Esel gegenüber.
Esel sind in Ägypten die wohl gutmütigsten und gleichzeitig die bemitleidenswertesten Kreaturen überhaupt.
Tiere im Sinn von Haustieren, wie mit Sheba gefütterte Kätzchen oder sauber getrimmte Königspudel, existieren hier nicht.
Hunde und Katzen leben verwildert auf der Strasse und in Hinterhöfen. Kamele werden als Lastenträger benutzt, oder die Esel ziehen ihre Warenkarren, tagein und tagaus, bei sengender Hitze.
Die Goldfischchen im Aquarium des Dahar Pet-Shops dezimieren sich täglich. Entweder fressen sie sich schon gegenseitig, oder sie sterben an chronischer Wasserverschmutzung in ihrem nassen Zuhause.
Am letzten Sonntag, in Downtown Dahar, dem Stadtteil mit den meisten einheimischen Zuwanderern aus Oberägypten und dem Sudan, wurde ich gleich zweimal Zeugin einer Eselmisshandlung.
Ich machte mich auf den Weg zum Bus, wollte zur Einwanderungsbehörde um mein Jahresvisum zu beantragen, als mich ein Eselkarren überholte. Voll beladen mit Gemüse und riesigen Wassermelonen, hockten zwei Männer zusätzlich auf dem Karren und schlugen unaufhörlich und mit voller Wucht ein dickes Vierkantholz auf den Rücken des Tieres, obwohl dieser schon blutige Striemen hatte.

Mittlerweile habe ich schon begriffen, dass einige Ägypter unzimperlich und lieblos mit Tieren umgehen, doch diese sinnlose Tierquälerei geht mir nicht aus dem Kopf. Das Bild, wie der Esel vorbei trottet und das Vierkantholz immer wieder auf das Tier schlagen und diese Männer dabei lachen.

Am Abend gleiches Bild wieder in Downtown. Vor einem Geschäft für Bettwaren, wiederholt sich die Szenerie. Wieder ein Eselskarren, wieder brutale Schläge mit einem Vierkantholz. Das Erschreckende nur, dass diesmal Kinder auf dem Karren sitzen und den Esel quälen.
Ich lebe sehr gerne in Ägypten und fühle mich von Woche zu Woche heimischer, doch Szenen wie diese verfolgen mich bis in den Schlaf. Das Elend in den Aussenquartieren ist nur schwer zu verdauen, davon bekommen die Touristen nichts zu sehen. Es gibt Tage da ertrage ich es vernachlässigte verschmutze Kinder zu sehen, oder ertrage sogar Ratten, die an einem Tierkadaver nagen. Oder auch Esel, die mit dem Vierkantholz traktiert werden.

Dann gibt es die Tage, wo so etwas nicht möglich ist. Wo ich mich frage, wo nur Geruhsamkeit und Sanftmut, als die viel gerühmten Tugenden der Orientalen geblieben sind. Es gibt sie, die schwierigen Tage an denen mir die momentan gleissende Hitze zu schaffen macht. An denen ich auch die dummen Sprüche der Strassenjungs nicht einfach so locker und nonchalant wegstecken kann. In solchen Momenten schreibe ich dann diese Zeilen und befreie mich davon. Sammle somit auf diese Art neue Energie für meinen ägyptischen Alltag.

 

El medina fi sahara

„Green Viliage”, klingt verheissungsvoll. Eine grüne, blühende Kleinoase in Makady.
Mit diesen Worten wird eine Wohnanlage ausserhalb von Hurghada angeboten.
Ich bin skeptisch. Erstens weil ich weiss wo Makady liegt – wirklich mitten in der Wüste. Zweitens sehe ich den Sinn nicht, weshalb nun noch mehr Wüstenboden unökologisch zu englischem Rasen umfunktioniert werden soll.

Ramzy, Aymans Freund, begleitet uns auf der Fahrt nach Makady.
Ein einfaches Holzschild weist uns den Weg zu der angeblich so tollen Wohnanlage. Da angekommen, sehen wir acht halbkreisförmig aneinandergebaute Häuschen, die mich an eine Wildwestkulisse aus Karl – May- Filmen erinnern.
Dazu passend, einige verstümmelte Kakteen und ein kleiner Hibiskusbusch .

Einen filmreifen Auftritt liefert auch die Maklerin der Wohnanlage.
Im wallenden, schwarzen Minikleid und schwindelerregend hohen Stöckelschuhen tippelt sie zu uns her.
Ihre Aufmerksamkeit gilt sofort mir. Sie macht mir ein scheinbar nettes Kompliment und erkundigt sich nach meinen Wünschen.
“Asch, isch bin so froh, dass isch deutsch sprechen kann” flötet sie.
Sie sei halb Belgierin, halb Iranerin und froh über jeden deutschsprechenden Kontakt .
Dabei schiebt sie mehrmals ihre Chanel-Sonnenbrille zurecht.

Ihre als luxuriös angepriesenen Wohnungen sind verlottert und vernachlässigt. Der englische Rasen ausgetrocknet und im wasserlosen Swimmingpool tummeln sich die Heuschrecken. Das grossspurige Auftreten der Dame missfällt uns und ich will ihr ein bisschen auf den Zahn fühlen und frage sie nach dem Sinn einer solchen Wohnanlage mitten in der Wüste.
Eine schlüssige Antwort bekomme ich nicht, sie erwähnt Scheich Soundso, der viel Geld in diese Anlage investiert hat, sowie Cafes und Einkaufsmöglichkeiten eingeplant hat. Zielpublikum als Mieter seien Deutsche, Engländer und Russen.

Beim Nachhausefahren macht Ramzy, der bishin sehr ruhig war, seinem Ärger Luft.
“Diese Frau ohne Kleider” (er meint ihren leichtgeschürzten Auftritt) erzählt nur Unsinn.
Man soll die Wüste lassen, wie sie ist.

Er weiss, wovon er redet. Ramzy arbeitete viele Jahre als Trekkingführer in der arabischen Wüste.
Er ist eine Seele von Mensch, dabei bescheiden und stets freundlich. Seine Frau, Hanan, war die erste ägyptische Frau, die ich kennengelernt habe.

Gleich beim ersten Besuch schenkte sie mir ihre Teegläser. An meinem Geburtstag im letzten Sommer überraschte sie mich mit Nylonstrümpfen, bei 46 Grad im Schatten (notabene!). lch revanchiere mich mit Kosmetika aller Art aus der Schweiz.
Übrigens, wir wohnen immer noch in Hurghada, keiner von uns hatte Lust auf „die grüne Stadt” in der Wüste…

Ich bin OK

Alles in Ordnung

„Kullu tämäm, Miss” sagt Alah, der Junge der uns eben fachkundig die Waschmaschine installiert hat. Jetzt nimmt er sich doch ein Stückchen von der Schoggi *, die ich ihm angeboten habe und er strahlt mich an.

Vor dem Geschäft hält ein alter knallroter Pick-up.
Der Fahrer, ein junger Mann aus Oberägypten ist sofort bereit die Waschmaschine gegen ein gutes „Bakschisch” (Trinkgeld) zu uns nach Hause zu fahren.
Ich sitze neben dem Fahrer vorne und die Männer hinten im unbedeckten Laderaum mit der Waschmaschine. Ich schmunzle bei der Vorstellung, wir würden so auf Schweizer Straßen fahren.

An unserer Wohnung angekommen steigen alle aus. Erst da bemerke ich einen Jungen von etwa zwölf Jahren der auch mitgefahren ist. Nachdem die Waschmaschine in Badezimmer ihren Platz gefunden hat, verabschieden sich der Fahrer und der Verkäufer. Der Junge erkundigt sich nach Werkzeug und legt los. Nach einer knappen Stunde ist alles installiert, mit seinen flinken Kinderfingern hat Alah ein Meisterwerk hingelegt.

„Gehst du nicht zur Schule”, frage ich ihn. „Nein, nicht mehr”! – „Ich arbeite jetzt und
ich bin gut, nicht wahr?”, sagt er!
Ich bin begeistert und verblüfft. Auch wenn Alah wahrscheinlich kaum Lesen und Schreiben kann, eine Zukunft hat er in diesem Land. Wer seinem Kinder kein Handwerk beibringt, lehrt ihm das Stehlen heißt ein orientalisches Sprichwort. Um Alah muss ich mir diesbezüglich keine Sorgen machen.

Unsere Zweizimmerwohnung platzt langsam aus allen Nähten. Die Wohnlage ist zwar sehr schön, jedoch haben wir beide einen langen Arbeitsweg. Ich arbeite tagsüber und fahre jeden Tag mit dem alten Klapperbus eine halbe Stunde, oder länger zur Arbeit. Es ist heiß, stickig und unbequem in Bus.
Im Stadteil Sekalla, der Touristenmeile von Hurghada füllt sich der Bus. Jetzt stehen alle die keinen Sitzplatz haben dicht an dicht, wie die Sardinen in der Dose. Ausgerechnet dann immer muss ich aussteigen und mich durch die Männermenge zwängen. Und das alles im fahrenden Bus, der auf und ab wippt.
„Bitte anhalten”, rufe ich. Aber der Busfahrer hört mich nicht und ich muss nochmals rufen. Schließlich hält er an und ich zwänge mich durch die Männermenge. Ich bin froh, endlich wieder festen Boden unter den Füssen zu spüren. Und frische Luft!
Rania hat mir erzählt, dass sie einmal von einem Mann in genau so einer Sardinensituation in den Po gekniffen wurde. Sie fühlte sich derart beschämt und sie erzählte nicht mal ihrem Mann etwas davon.

Beim nächsten Mal, sagte sie mir, würde sie eine Stecknadel aus ihrem Kopftuch nehmen und diesen Mann damit stechen! Muslimischen Frauen halten nämlich ihre Kopftücher mit Hilfe von Stecknadeln zusammen, um zu verhindern dass das Tuch vom Kopf rutscht.
Bis jetzt wurde ich noch nie gekniffen und das, obwohl die Hemmschwelle bei einer weißen Frau wohl geringer ist als bei einer Einheimischen. Über Ranias Wunderwaffe denke ich schon mal nach! Rein prophylaktisch!

Schweiz oder Schweden

„Hello my Friend”, begrüsst mich der alte zahnlose Mann im Geschäft für Damenwäsche. Sofort winkt er eine seiner Töchter zu mir. Sie solle mir die neueste ägyptische Mode zeigen. Mittlerweile kenne ich das kleine Geschäft in Downtown Dahar schon sehr gut. Es liegt gegenüber des grossen Marktplatzes inmitten des ägyptischen Verkehrwirrwarrs. Ich mag es sehr!

Ich wende mich zielstrebig zum Regal mit der „Carina- Wäsche”. Diese ist durchau mit unserem Schweizer Calida* vergleichbar. Im Sortiment von Carina findet die moderne arabische Frau nebst züchtiger Unterwäsche, Rollkragenpullis, armlose Shirts auch sogar gewagtere Teile wie Neckholdertops und Stringtangas!
Alle Modelle in knalligen Farben. Von Orange über Türkis zu Kanariengelb, werde ich schnell fündig. Ein T-Shirt in Türkis und eines in Schwarz gefallen mir.
Der Mann an der Kasse lächelt mich an und fragt mich, ob ich Amerikanerin sei. Nein – ich komme aus der Schweiz, antworte ich. „Oh, yes, Sweden! I like Stockholm and Princess Victoria!

Es kostet mich etwas Mühe dem knorrigen Männchen begreiflich zu machen, dass Schweden und Schweizer wohl optisch durchaus vergleichbar sein mögen. Jedoch geografisch einige tausend Kilometer dazwischen liegen. Ich bezahle meine Ware und verabschiede mich freundlich. Das Männchen ruft mir noch zu, ich solle aufpassen – die gleissende Mittagssonne sei nichts für die helle, skandinavische Haut.

Ich möchte mit dem Bus so schnell wie möglich nach Hause, denn es ist heiss und ich bin hungrig und freue mich auf ein spätes Frühstück. Es ist Sonntag und ich habe meinen freien Tag. Das Überqueren der Strasse ist ein heikles Unterfangen. Da ich eine Kreuzung überqueren muss, kommen sämtliche Gefährte in rasendem Tempo auf mich zu.
Auf Ägyptens Strassen darf sich alles bewegen, was Räder oder Beine hat. Da fahren Taxis hinter Sattelschlepper – hier überholt ein Touristenbus einen Eselkarren, oder ganze Familien brausen auf einer alten Vespa sitzend davon. Dann und wann galoppiert sogar ein Kamel dem Strassenrand entlang.

Heute trage ich flache, weiche Ballerina-Schuhe. Welch ein Glück, so kann ich mich schneller bewegen. Flip-Flops oder gar Stöckelschuhe können zur tödlichen Falle werden. Ägyptens Strassen sind unberechenbar gefährlich. Risse und Schlaglöcher werden nicht gekennzeichnet oder selten repariert. Die Fahrzeuge rasen dicht an dicht, gefolgt mit ohrenbetäubendem Hupen. Die Ägypter lieben es ständig, mit oder ohne Grund zu hupen. Gaspedal und Hupe sind die wichtigsten Teile eines Autos hier.

Jetzt, eine Lücke! Schnell, eilend über die Strasse und in Sicherheit. Aber Achtung! – da ist Gegenverkehr.
Beinahe wäre ich mit einer alten Frau zusammengestossen, welche Eierkarton-Paletten auf dem Kopf balanciert.
Ich habe die Busstation erreicht!
El hamdulliläh!
Gottseidank, wie wir hier sagen. Jetzt sitze ich im Klapperbus und kann mich kurz erholen.
Danach heisst es erneut: Über die Strasse! Die ist jetzt breiter und die Autos fahren dreispurig.
Also, in Startposition und Spurt nach vorn!
Geschafft

Willkommen in Ägypten

Während ich diese ersten Zeilen von E -mail international tippe, komme ich ins Schwitzen. Ich sitze nicht etwa auf dem Balkon in der Sonne, nein, ich sitze in unserer Wohnung auf dem Sofa und es ist heiss! Mein erster Eindruck wieder zurück in Hurghada. Es ist sonnig und heiss. Fünfzehn Stunden am Tag!
Ich brauche noch etwas Zeit um mich anzuklimatisieren. Dies im Sinne der Temperatur, sowie auch kulturell. Ich bin jetzt wieder in Afrika, in der Dritten Welt.

Mein guter Start in Ägypten tut mir körperlich und seelisch gut. Ich bin voller Tatendrang und nehme sogar meinen Arabisch- Unterricht bei Rania wieder in Angriff. Diese Energie überträgt sich auch auf Ayman, der mich tatkräftig unterstützt und uns mit herrlichen orientalischen Köstlichkeiten bekocht!
In der Wohnung ist alles noch da. Allerdings mit einer Sandstaubschicht überzogen, die sich nur mit gründlichem, feuchten Abstauben entfernen lässt. Jetzt heisst es wieder über Nacht die Fenster schliessen, ansonsten sind am anderen Morgen alle Gegenstände vom Kaffeelöffel bis zum Turnschuh mit feinem Saharasand bedeckt. Selbst der leiseste Wind weht Sand durch geöffnete Fenster und durch die Ritzen der Türen.

Meine deutsche Freundin Silvana überrascht mich bereits am zweiten Tag mit einem Besuch im „Hilton Plaza”. Dort ist es möglich gegen eine Eintrittsgebühr den Hotelstrand zu benützen, ohne Hotelgast zu sein.
Wir geniessen diesen Nachmittag am Strand und wagen uns auch ins kristallklare, warme Rote Meer. Am öffentlichen Strand, der eigentlich nur fünf Minuten von meiner Wohnung entfernt ist, wäre Baden und „Sünnele”* kaum denkbar, ohne ständig von Männern belästigt zu werden.
Ausserdem dürften wir da natürlich auch nicht unsere westlichen Badekleider tragen, sondern müssten uns den muslimischen Badesitten anpassen und in langen Tunikas schwimmen. Aber selbst bodenlange Tunikas schützen nicht vor den lästigen Blicken und Bemerkungen der ägyptischen Beach-Boys.
Stellen Sie sich vor, Sie leisten sich einen Nachmittag am Strand und bereits nach einer Stunde werfen Sie entnervt das Handtuch, im wahrsten Sinne des Wortes.

Hat man den Eintritt bezahlt und einen Liegestuhl gefunden der nicht klapprig ist, oder gar Nägel oder Spriessen herausgucken, richtet man sich bequem den strengen Badesitten folgend, wenn man weiblich ist.
Die einzigen die sich nicht daran halten, sind eben diese Beach- Boys. Eine Art organisierte Gruppe die davon lebt, Europäerinnen auszunehmen. Den öffentlichen Badestrand haben wir zwei Frauen im letzten Sommer ausprobiert. Wir bekommen zwei Klapperstühle zugewiesen und setzen uns züchtig hin.

Nach ein paar Minuten scharwänzelt schon der erste um uns herum und fragt in gebrochenem Englisch „woher kommt ihr, was wollt ihr trinken”? Wir reagieren nicht, aber er bleibt hartnäckig da und labert weiter. Ein zweiter und ein dritter kommt noch hinzu, jetzt wird es ungemütlich und ich bediene mich des arabischen Wortschatzes für Schimpförter. Sage ihm laut und bestimmt, „Imschee, ya ibn al himar”! Was soviel heisst wie, verschwinde jetzt du Sohn eines Esels!

Der Esel hat seine Wirkung nicht verfehlt und sie ziehen ab. Aber auch wir zwei Frauen haben genug und gehen hängenden Hauptes wieder nach Hause.
Da fällt mir meine ägyptische Freundin und Arbeitskollegin Rania ein, die eine ganz besondere Technik hat, frechen Männern zu Leibe zu rücken. Nämlich mit einer Stecknadel. Diese Vorstellung amüsiert uns und tröstet uns etwas über den misslungenen Strandnachmittag.

Von der Stecknadel als probates Mittel gegen lästige Männer, erzähle ich Ihnen gerne später mehr!
In den nächsten zwei Tagen plane ich eine vollautomatische Waschmaschine zu kaufen. Ein Luxus hier. Ohne Frage, aber auch eine grosse Erleichterung, meinen stets wachsenden Wäscheberg schonender und ohne grosse Anstrengung zu bewältigen.
Ich stelle mich darauf ein ,dass Kauf und Lieferung sowie die Installation sicher nicht so reibungslos ablaufen wird, wie ich es von der Schweiz gewohnt war.

Inscha’ Allah, wird es schon gut gehen. Erfreulich ist auf jeden Fall der Preis, denn der ist alles andere als schweizerisch.
Eins zu Null für Ägypten!

___________________

* Sünnele = Schweizer Deutsch für Sonnenbaden