Advent und Stromausfall
Schrubben, schrubben, schrubben, das war unsere Tätigkeit der letzten Tage vor dem Umzug. Meine Hände sind ganz schrumpelig vom Putzwasser, zwischen Daumen und Zeigefinger ist eine Blase. Nein, ich bin nicht zimperlich, wenn es um Hausarbeit geht, im Gegenteil, Hausarbeit hat für mich etwas Beruhigendes, doch stundenlang auf Steinböden knien und Farbkleckse wegschrubben ist anstrengend. Warum bloss hat der Maler den Boden nicht abgedeckt, frage ich mich etliche Male.
Mittlerweile ist Advent, doch davon ist in Hurghada natürlich wenig spürbar. Nach und nach dekorieren die Christen ihr Geschäfte mit rührend kitschigen Weihnachtsengeln, Nikoläusen oder heroischen Heiligenfiguren von Georg dem Drachentöter und dem Erzengel Michael mit gezücktem Schwert. Der Umzug hat erstaunlich reibungslos geklappt, einzig Kauf und Transport von Kühlschrank und Boiler war eine kleine nervliche Herausforderung …
Wir waren ein wenigunter Druck, das grosse muslimische Opferfest wurde auf Freitag angesagt, mittwochs erst waren wir nach Downtown zum Einkaufen unterwegs, ein Arbeiter musste noch angeheuert werden … Nach Donnerstags würde es ein Ding der Unmöglichkeit, Umzugshelfer- oder gar Handwerker aufzutreiben. Traditionell verbringt man den „Bayram“, das Opferfest im Kreise der Familie. In Hurghada würde es dann ruhiger werden, weil viele Arbeiter aus Qena oder Assuan stammen und demnach für die vier, fünf Tage Fest nach Hause reisen.
Glücklicherweise erwies sich Gabr, unser Umzugshelfer, als guter Handwerker.
Plötzlich, mitten im Kühlschrank-Kaufpreisverhandlungsgespräch, fiel der Strom aus. Alle Gebäude von Downtown bis Zahabia wurden schlagartig zappenduster. Leider war es kein Stromunterbruch von ein paar Minuten, wie es in Dahar öfters vorkommt, sondern ein Unterbruch von mehreren Stunden, wie sich herausstellen sollte. Der Ladenbesitzer hat eine Taschenlampe aufgetrieben und zeigt uns so die Kühlschränke und die Wasserboiler. Wir entscheiden uns umständehalber schnell, alles wird auf den Pick-up aufgeladen, den Ayman zuvor angeheuert hat.
Mit der Taschenlampe, die wir noch vom Ladenbesitzer haben, bekomme ich die Aufgabe, den Männern den Weg durch das Treppenhaus zu beleuchten. Die Geräte werden erst mal in der Wohnung deponiert, anschliessen können wir sie ja sowieso noch nicht.
Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, springt das Licht wieder an. Gabr verspricht uns, morgen vorbei zu kommen und den Boiler an die Wand zu montieren. Er steht beinahe verschämt in unserer noch spärlich möblierten Stube, erzählt dann von seiner Wohnung. Er lebt in einer Wohnung, oder besser, einem schlecht verputzen Backsteinverschlag ohne Toilette und fliessend Wasser. Mit ihm leben seine junge Frau und sein zwei Monate alter Sohn Yussef.
Eine Woche später erfahren wir vom Hausbesitzer, dass die Hauswartstelle neu zu besetzen wäre. Sofort war uns klar, wen wir da empfehlen können: natürlich Gabr und seine Frau! Tage später war das vorher vermüllte Treppenhaus sauber, Gabr, der neue Hausmeister stand strahlend unter der Tür. Am Abend, ich war allein zu in der Wohnung, klopft es an die Tür. Ich bekomme Besuch von Gabrs Frau, die sich mit dem Baby auf dem Arm erkundigt, ob es mir gut geht und ich, was brauche.
Ausgerechnet eine der ärmsten Frauen des Quartieres fragt mich das. Ich bitte sie herein und schenke ihr ein Glas Erdbeermarmelade, die ich selber eingekocht habe und ein paar Orangen. Seit diesem Tag besteht zwischen der Frau und mir eine besondere Beziehung. Ich sei die erste europäische Frau, die sie kenne, sagt Nigma. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit versucht sie, mit mir ins Gespräch zu kommen. Schwierig, denn sie spricht kein Englisch und meine Arabischkenntnisse sind eher bescheiden. Wenn ich ihr Baby knuddle und bemerke, wie gross und zufrieden er schon sei, strahlen ihre Augen.
Nigma heisst übersetzt „Stern“. Passt doch in die Adventszeit.
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